Siggi Loch: Wie ich zum Jazz kam (Gastbeitrag)

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Siggi Loch: Wie ich zum Jazz kam

Wir gratulieren Siggi Loch, dem Gründer von ACT Music zum 80. Geburtstag! Und freuen uns, den Artikel "Wie ich zum Jazz kam" des jazzahead! SKODA Award-Preisträgers (2012) zu veröffentlichen. Hier wirft Siggi Loch einen Rückblick auf seine Karriere und die deutsche Szene.

„Musik ist die Sprache der Seele“, hat Giovanni Palestrina bereits im 16. Jahrhundert gesagt. Heute dienen viele Arten von Musik mehr der Oberflächenbenetzung, aber es gibt auch Begegnungen, die tief berühren und sich für immer ins Gedächtnis eingraben. Mir ist das in meinem Leben mehrmals passiert. In meiner frühesten Kindheitserinnerung ist ein solcher Moment aufbewahrt. Kurz nach Kriegsende beobachtete ich vom Balkon unserer zerbombten Behausung in Halle (Saale) einen Trauerzug. Begleitet von einer großen Militärkapelle wurde ein russischer General im offenen Sarg durch die Straßen zum Friedhof getragen. Das war ergreifend und eine zutiefst spirituelle Erfahrung. An die Musik, die ich in den folgenden zehn Jahren hörte, habe ich keinerlei konkrete Erinnerungen. Damals versuchte die Elterngeneration die Nachwirkungen der Kriegszeit mit seichter Schlagermusik zu überspielen. Dann geriet ich im Mai 1956 in Hannover eher zufällig und ein bisschen unerlaubt in ein Konzert von Sidney Bechet und hörte zum ersten Mal bewusst Jazz. Die Musik strahlte pure Lebensfreude und das Gefühl von grenzenloser Freiheit aus – für mich ein Moment der Erleuchtung.

Die Begegnung mit Sidney Bechet und dem Jazz hat mein Leben von Grund auf verändert. Und spätestens seit ich in Joachim-Ernst Berendts Jazzbuch die Geschichte der Blue-Note-Gründer Alfred Lion und Francis Wolff gelesen hatte, träumte ich von einem eigenen Jazzlabel. Bis es soweit war, sollten über dreißig Jahre vergehen.

Der Einstieg in die Schallplattenbranche gelang 1960 als Vertreter der EMI-Electrola. Schon zwei Jahre später kam das Angebot als Ressortleiter Jazz Philips nach Hamburg zu wechseln. Und in diesem Jahr 1962 sollten zwei Ereignisse meinen weiteren Lebenslauf entscheidend beeinflussen. Da war am Freitag, 13. April, die Eröffnung des Star-Club. Ich ging aus purer Neugier hin und hörte dort die Beatles. Begeisterte mich am Jazz die Idee von der „Freiheit des Einzelnen in einer Gruppe von Gleichgesinnten“, so waren es am Rock’n’Roll die pure Energie und das rebellische Auftreten. Ich wurde regelmäßiger Gast in der Großen Freiheit und machte später auch die ersten Aufnahmen im Star-Club.

Aber zunächst erlebte ich im September 1962, auf dem Deutschen Amateur Jazz Festival in Düsseldorf, das ich als Fan seit 1957 besuchte, die Premiere des neuen Klaus Doldinger Quartetts. Diese Band verkörperte alles, was ich am Jazz liebte. Ihre Musik war tief verwurzelt in der Tradition und dem Blues und die unbändige Spielfreude der vier übertrug sich sofort auch körperlich. Ich war völlig aus dem Häuschen. Nach dem Konzert stürmte ich zu Doldinger in die Garderobe und bot ihm in einem Anfall von Größenwahn und jenseits meiner Kompetenzen einen Schallplattenvertrag mit Philips an.

Am nächsten Morgen, wieder nüchtern und auf dem Weg zurück nach Hamburg, überlegte ich, wie ich es meinem Chef sagen sollte. Er war “not amused”, doch dann fiel mir ein, dass Stan Getz und Charlie Byrd gerade mit „Desafinado“ an der Spitze der amerikanischen Popcharts standen. So bekam ich grünes Licht, für eine Produktion mit Doldingers Band – unter der Bedingung, dass Bossa Nova dabei herauskam. Gegen anfänglichen Widerstand überzeugte ich auch den Jungjazzer, das Ergebnis gefiel auch meinem Chef, Klaus Doldinger bekam als erster deutscher Jazzmusiker einen Exklusivvertrag und ich erhielt die Erlaubnis, ein ganzes Album mit seiner Band zu produzieren. „Jazz made in Germany“ wurde das erste weltweit veröffentlichte Album einer deutschen Jazzformation.

Früh suchte ich mit Doldinger den Brückenschlag zwischen dem Jazz und der Rockmusik, dem Sound der neuen Jugendbewegung. So kam es neben seiner Jazzband zu Paul Nero’s Blue Sounds und seinem Star-Club-Debüt. In den folgenden Jahren produzierte ich 20 Alben mit dem Doldinger Quartett und der Paul Nero Band. Aber die Musik entwickelte sich weiter, und wir suchten erneut nach einem frischen Soundkonzept, einer Symbiose aus Jazz, Soul und Rock. Im Dezember 1969 ging ich letztmals mit Klaus Doldinger ins Studio, um das Album „Motherhood - I feel so free“ zu produzieren. Die Aufnahme war zunächst kein kommerzieller Erfolg, entwickelte sich aber, bis heute, zu einem wirklichen Kultalbum und die Band wurde die Blaupause für Passport, der international erfolgreichsten deutschen Jazz Formation.

Es sollten noch weitere 20 Jahre vergehen, bis ich mir den Jugendtraum meines eigenen Jazzlabels erfüllen konnte. Dazwischen lag eine aufregende Zeit im Pop-Major-Business, als Chef der deutschen WEA (Warner) und Präsident der WEA Europa Inc. in London. Mit der Gründung von ACT im Jahr 1992 begann die, aus heutiger Sicht, wichtigste Phase meines musikalischen Lebens. Und auch wenn es mir immer wichtig war, dass das Label wirtschaftlich auf eigenen Füßen steht, war und ist auch klar: Ein unabhängiges Jazzlabel dieser Ausrichtung ist kein Geschäftsmodell, sondern eine Herzensangelegenheit für alle Beteiligten. Und gerade deshalb empfinde ich bis heute ein großes Glücksgefühl, zusammen mit der ACT Family ein Leben im Reich der Klänge, „In the Spirit of Jazz“, führen zu können.